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Im Schatten des Grand Capucins

Ganz so habe ich mir das nicht vorgestellt. Vollgehängt mit Friends und Keilen hänge ich in der Felswand und suche verzweifelt nach einem guten Griff. Mit meinen Schuhen finde ich nirgends Halt und die letzte Sicherungsmöglichkeit liegt bereits vier Meter zurück. Ein Standplatz mit Bohrhaken ist in Sichtweite doch der Haulbag an meinem Rücken mit 200 m Seil darin macht das Klettern zur Tortur. Mit Ächzen ziehe ich mich hoch und atme tief durch. Die erste Seillänge ist geschafft! 9 weitere haben wir noch vor uns.

Unser Ziel für diesen Tag ist ehrgeizig. Wir wollen den Gipfel knapp 250 m über uns erreichen, um uns mit all unseren Seilen auf der anderen Seite an einem Stück wieder abzuseilen. So können wir später eine Verbindung zwischen den zwei Gipfeln herstellen. Der Plan wäre gewesen, dass wir den Haulbag hinter uns hochziehen. Dummerweise führt unsere Route «Lepiney» (TD, V) spiralförmig über zu viele Traversen zum Gipfel, so dass wir gezwungen sind, alles selber hoch zu tragen. Es ist bereits vier Uhr Nachmittags und meine zwei Seilpartner Alain und Stephan sehen auch nicht viel frischer aus als ich. Kein Wunder nach der kurzen Nacht, die wir noch 2900 Höhenmeter weiter unten verbracht haben und dem schweisstreibenden Zustieg zum Wandfuss über einen Gletscher, den wir mit schweren Rucksäcken überquert haben. Einen Schlitten vollgeladen mit Ausrüstung mussten wir zudem hinter uns nachziehen.

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Die schönsten Felsnadeln am Mont-Blanc-Massiv

Der Trident du Tacul ist einer dieser Felstürme, der mich als Highliner in den Bann gezogen hat, seit ich das erste Mal ein Bild davon gesehen habe. Wie eine riesige Nadelspitze aus Fels ragt er aus dem Gletscher. Nicht weit daneben steht ein weiterer, knapp 200 m hoher Felsturm mit dem Namen Chandelle. Diese zwei Gipfel mit einer knapp 90 m langen Highline zu verbinden, davon habe ich viele Jahre geträumt. Für mich ist es der eindrücklichste und ästhetischste Ort im ganzen Mont-Blanc-Massiv um eine Highline zu spannen. 
Die beiden Gipfel stehen im Schatten des Grand Capucin. Der gewaltige Monolith aus Granit erhebt sich direkt dahinter 400 m über dem Glacier du Géant und gilt als der am schwierigsten zu besteigende Berg der Alpen. Seine Begehungen haben die Geschichte des Alpinismus geprägt und er hat bis heute eine grosse Anziehungskraft auf Kletterer. 

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Klettern bis in die Nacht

Etwa auf derselben Höhe, auf der wir uns befinden, sehen wir Julien und Thibault einem steilen Riss entlang die Chandelle hoch klettern. Sie haben keine Probleme ihren Haulbag nachzuziehen, weil ihre Route «Bonatti» (ED-, 6b+) ziemlich direkt zum Gipfel führt. Der Routenverlauf bei uns hingegen ist verwirrend. Bald schon haben wir uns verstiegen und befinden uns in einer weitaus schwierigeren Route als vorgesehen. Sie führt bis unter ein Felsdach zu einem Kamin, wo ein Weiterklettern mit Rucksack und Haulbag unmöglich ist. Ich richte einen Stand an zwei Friends unter dem Überhang ein und sichere Alain, der sich kurz darauf den Kamin hoch kämpft. Nachdem wir diese Schlüsselstelle überwunden und das Material nachgezogen haben, beginnt es bereits zu dämmern und die letzten Sonnenstrahlen lassen die Gipfel um den Dent du Géant im rötlichen Licht erstrahlen.

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Weit kann es nicht mehr sein bis zum Gipfel. Doch weil es schnell dunkel und kalt wird, entschliessen wir uns für den Rückzug. An der Rückseite des Tridents suchen wir im Dunkeln nach Abseil-Möglichkeiten und schaffen es gerade knapp mit allen Seilen die wir dabei haben den Boden zu erreichen. Bei unserem Camp auf dem Gletscher treffen wir Thibault und Julien wieder. Sie haben es geschafft auf die Chandelle zu klettern und konnten an der Spitze eine Verankerung um einen Felsblock für die Highline vorbereiten.

Rigging Day

Die Nacht ist alles andere als erholsam. Ich friere in meinem Schlafsack und wegen der Höhe liege ich fast die ganze Nacht wach. Am Morgen steige ich ohne Zeit zu verlieren zusammen mit Alain und Thibault an den Seilen hoch, die wir gestern Abend beim Abseilen fixiert haben. Das ist zwar nicht weniger anstregend als Klettern am Fels, spart uns aber kostbare Zeit. Noch zwei Seillängen haben uns am Vortag gefehlt bis zum Gipfel und nach vier Stunden erreichen wir unser Ziel. Die Seile sammle ich unterwegs wieder ein und bringe sie hoch. Sie werden zusammengeknotet und ein Ende am Fels befestigt. Nun lässt sich Alain daran langsam in die Tiefe gleiten. Auf ihn wartet 200 m weiter unten in der Scharte bereits Julien mit der vorbereiteten Highline.

Während Julien mit dem Ende der Highline am Fixseil an der Chandelle hochsteigt, suche ich nach einer geeigneten Stelle für eine Highline-Verankerun. Mein Laser-Höhenmesser verrät mir, dass wir uns von unserem Standort noch knapp 10 m abseilen müssen. Wir entscheiden uns, direkt an der äussersten Kante hinter einem kleinen Absatz zwei Bohrhaken als Highline-Verankerung anzubringen.
An dem Tag läuft alles erstaunlich reibungslos und ich bin froh, mit so erfahrenen Highlinern und Alpinisten unterwegs zu sein. Jeder weiss was zu tun ist, ohne dass wir viel miteinander reden. Der Aufbau geht voran und am späten Nachmittag ist es endlich soweit: Die Highline ist gespannt!
Selbst für unsere Verhältnisse ist die Ausgesetztheit dieser Highline enorm. Während wir uns und den vollen Haulbag an der Highline zur Chandelle rüber ziehen, staunen wir über die imposante Berg- und Gletscherkulisse, die uns umgibt. Für einen ersten Begehungsversuch auf der Highline sind wir heute zu erschöpft

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Eine überwältigende Highline-Erfahrung

Bei der Wahl unseres Highline-Setups stand Gewichtsoptimierung an erster Stelle. Wir haben Hi-Tech-Schäkel aus Aluminium dabei und sowohl die Mainline als auch das Backupseil bestehen je zur Hälfte aus Dyneema und Polyester. Leichter geht es kaum. Weil die meisten von unserem Team noch gewohnt sind, Highlines mit etwas Spannung zu laufen, darf natürlich auch mein Ninja-Flaschenzug nicht fehlen. Nicht zuletzt geht es uns bei dem Projekt um die Ästhetik. Eine Highline ohne ein wenig Vorspannung und mit zu losem Backupseil sieht einfach unästhetisch aus.

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Nach den ersten paar Schritten auf der Line wird schnell klar: Das Setup hätte nicht besser gewählt sein können. Es ist purer Genuss auf diesem leichten Band zu laufen. Doch es fällt mir schwer, nach den ganzen Anstrengungen der letzten Tage und dem energieraubenden Zustieg zur Highline die nötige Ruhe zu finden. Zu viele Gedanken und Sorgen drehen sich in meinem Kopf und lassen mich immer wieder unnötig stürzen. Ich bin so angespannt, dass ich nicht mal merke, dass neben uns eine Inspire-Drone abstürzt.

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Mit jedem Versuch ein paar Schritte zu laufen werde ich jedoch entspannter und kann mich mehr darauf einlassen. Die mächtig aufragenden Felstürme und die Weite der Gletscherlandschaft um mich lassen mich winzig klein erscheinen. Direkt vor mir sehe ich den Mont-Blanc. Auf der anderen Seite den Gipfel des Dent du Géant. Im Gegensatz zu all den Strapazen, die wir bis jetzt hatten, fühlt sich plötzlich alles unbeschwert und leicht an. Die Sonne scheint, es ist beinahe windstill und niemand stört unsere Ruhe. Es kommt mir vor als hätte jemand die Zeit angehalten. All die bedrohlichen Gletscherspalten, Felswände, Lawinen und andere Gefahren sind hier auf der Highline weit weg.

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Trotz einigen vielversprechenden Versuchen gelingt es niemandem von uns, die Highline vom Anfang bis zum Ende am Stück zu laufen. Wir sind alle schon zu erschöpft von den letzten Tagen. Am meisten Mühe macht uns auf der Highline die dünne Luft, die uns jeweils schnell ausser Atem bringt. Thibault kommt am weitesten und stürzt fünf Meter bevor er das andere Ende der Highline erreicht hat in die Leash. Faith, Julien und ich schaffen etwa die Hälfte. Anders als bei anderen

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Kletter- oder Highline-Projekten ist es uns diesmal nicht besonders wichtig, wie weit wir auf der Highline laufen können. Unser Ziel haben wir längst erreicht: Eine Highline zwischen dem Trident du Tacul und der Chandelle zu spannen. 

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Gerne hätten wir noch etwas mehr Zeit auf der Highline verbracht, doch die Zeit drängt und wir sind bereits stark im Verzug. Wir sind nur noch zu dritt und dürfen uns keine Fehler beim Abbau und Abseilen erlauben. Während Alain die Highline auf der Trident-Seite löst und von dort aus abseilt, bauen wir alles auf der Chandelle ab. Das Abseilen ist zeitintensiv, weil unser Seil stecken bleibt und ich es zuerst lösen muss, bevor wir es abziehen können. Zum Glück sind wir zu zweit, so dass wir uns gegenseitig helfen können. 

Nach vier Tagen brechen wir unsere Zelte auf dem Gletscher auf 3400 m wieder ab und ziehen mit letzter Kraft den schweren Schlitten mit dem Material zurück zum Ausgangspunkt. Auf dem Weg zur Seilbahn werfen wir nochmals einen Blick zurück zum Trident du Tacul und zur Chandelle. Kaum zu glauben, dass wir gerade noch dort oben über dem Abgrund schwebten.

 

 

 

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