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Mönchsbüffel

Dass dieses Projekt nichts mit «Plaisir-Highlinen» zu tun haben würde war klar. Schon nur die über 1000 Höhenmeter bis zum Biwak mit mindestens 30 kg schweren Rucksäcken zu bewältigen ist eine Tortur. Von dort aus erwartete uns ein anspruchsvoller Zustieg zum Highline-Spot, der jeden Tag 4-6 Stunden in Anspruch nehmen würde. Trotzdem hätte ich nicht erwartet, dass wir ausgerechnet bei diesem Trip so viele Hindernisse zu bewältigen haben werden.
Der Mönchsbüffel ist ein markanter Felszahn, 1200 m über dem Lauterbrunnental. Er sticht einem sofort ins Auge, wenn man nach Lauterbrunnen fährt und links die Wand hoch schaut. Bereits im Sommer 2009 waren wir dort oben, um erstmals eine Highline zu spannen. Die kürzeste Distanz zwischen dem Gipfel und der Wand beträgt 53 m. Genau so lang war unsere Highline. Leider gelang es uns im letzten Jahr nicht, sie zu laufen.

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Letzten Herbst hatten mich Jerry Miszewski und Mich Kemeter unabhängig voneinander angefragt, ob man beim Mönchsbüffel nicht noch eine längere Highline spannen könne. Damals war die längste gelaufene Highline noch die 67 m lange «Big Boy» im Joshua Tree Nationalpark. Ich war mir sicher, dass man beim Mönchsbüffel neben der Scharte noch eine Line mit einer Länge von 70-90 m einbohren kann. Für diese Monster-Highline wollte Jerry sein neu entwickeltes Vectran-Band mitbringen. Der Trip war für mich auch eine willkommene Gelegenheit, endlich die Highline vom letzten Jahr zu laufen zu können. Diesmal sollte mir das ohne grössere Probleme gelingen. Dachte ich mir. Das sollte sich aber als grosser Irrtum herausstellen..

Kurz vor dem geplanten Start am 1. August war unklar, ob wir überhaupt genug Leute sein würden um das Projekt in Angriff zu nehmen. Jerry und Andy Lewis hatten ihre Teilnahme kurzfristig wieder abgesagt. Damit fehlten uns nicht nur zwei erfahrene Highliner, sondern auch notwendiges Material. Auch bei den anderen Teilnehmer war wegen finanziellen und zeitlichen Engpässen bis am Schluss unklar, wer nun mitkommen würde. Nachdem ich bereits das Jahr zuvor die erste Expedition fast absagen musste, weil viele Teilnehmer kurzfristig abgesagt hatten, nahm ich es dieses Mal gelassener. Ich weiss nur zu gut, dass Krisen in allen möglichen Variationen fester Bestandteil sind bei jedem grösseren Highline-Projekt. Man kann noch so gut alles im voraus planen, am Schluss kommt doch alles anders. Die Kunst besteht darin, sich davon nicht zu fest beirren zu lassen und das Beste aus der Situation zu machen. Ein gutes Mass an Flexibilität, Beharrlichkeit und Optimismus ist für das Gelingen solcher Projekte wohl unabdingbar.

Krisen sind aber oft auch Chancen. In diesem Fall ergab es sich, dass Sebastian Flügge für Jerry einspringen konnte und wir mit Landcruising in Kontakt kamen. Auf Anfrage erklärten sie sich spontan bereit, uns mit dem nötigen Material zu unterstützen. Mit 200 m Aeon, dem ersten Slackline-Band aus Dyneema, das kurz zuvor von Landcruising lanciert wurde, waren wir nun gut gerüstet, um auch eine sehr lange Highline spannen zu können. Ich war sehr neugierig auf die Eigenheiten dieses Bandes, das gerade erst der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und vorher noch nie für Highline-Projekte eingesetzt wurde.

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Am 1. August fand sich der erste Teil unseres Teams bestehend aus Faith Dickey (US), Jan Galek (PL), Jordan Tybon (US), Sebastian Flügge (DE), Mich Kemeter (AT), Tamara Wolowicz (CA) und mir (Bernhard Witz) als einziger Schweizer tatsächlich in Stechelberg bei Lauterbrunnen ein. Weil Mich mehr oder weniger direkt mit einer Mageninfektion aus dem Spital kam und alles andere als fit war, konnten wir an dem Tag allerdings erst mit grosser Verspätung loslaufen.

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Der Aufstieg zum Biwak gestaltete sich mühsam. Vor allem Tamara und Mich waren mit den schweren Rucksäcken überfordert, so dass wir ihr Gepäck unter uns anderen aufteilen mussten. Der starke und anhaltende Regen, der bald einmal einsetzte, verwandelte unseren Weg zeitweise in einen Bach. Dafür waren die Bäche, die wir queren mussten, zu reissenden Flüssen angewachsen. Nur mit Hilfe von Fixseilen gelang es uns, sie zu überqueren. Bis spät in der Nacht waren wir unterwegs, die Kleider nass vom Regen und die Schuhe voller Wasser vom waten durch die Bäche. Erst am nächsten Morgen erreichten auch die letzten von uns das Biwak. Wegen dem starken Nebel kamen Faith, Janek und Jordan zudem vom Weg ab. Als wäre das nicht schon genug, fiel ihnen dabei auch noch eine teure HD-Kamera ein paar hundert Meter die Felsen runter. Dem entsprechend schlecht war die Stimmung an diesem Tag. Zum Glück war noch etwas Holz für ein wärmendes Feuer vorhanden, denn die Baumgrenze liegt etwa 600 m weiter unterhalb des Biwaks.
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Am nächsten Tag machte ich mich mit Sebastian auf, um bereits etwas Material zum Mönchsbüffel zu bringen und den Spot für die geplante neue Highline zu vermessen. Um bei Regen in die Scharte des Mönchsbüffels zu kommen, mussten wir zusätzlich Bohrhaken anbringen, an denen wir uns über die abschüssigen und rutschigen Steinplatten abseilen konnten. Auch die luftige Kletterei auf den Gipfel war bei dem Wetter etwas anspruchsvoller als sonst. Dafür freuten wir uns, als wir überraschend auf kompakten Fels für die Befestigung eine ziemlich genau 70 m lange Highline stiessen. Noch am selben Tag konnten wir auf dem Mönchsbüffel sechs Löcher für unsere 18 cm tiefen und 12 mm breiten Haken bohren.

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Zurück im Biwak staunten wir nicht schlecht, als wir nur noch Tamara und Jordan antrafen. Die anderen waren dermassen erschöpft, dass sie sich kurzentschlossen auf den Rückweg gemacht hatten, um sich erst mal in meiner Wohnung in Bern zu erholen. Zudem wurde Janek beim Aufstieg von einer Zecke gebissen und wollte ein Spital aufsuchen, weil sich um den Zeckenbiss ein roter Fleck gebildet hatte.

Es war wieder mal einer dieser Momente, wo das ganze Vorhaben auf der Kippe stand. Jordan hatte die Hoffnungen auf eine erfolgreiche Highline-Begehung am Mönchsbüffel bereits aufgegeben und war entschlossen, zusammen mit Tamara am nächsten Tag ebenfalls abzusteigen. Es schien als wäre Sebastian der einzige, der sich nicht von dem alpinen und exponierten Gelände einschüchtern liess. Doch auch an uns zehrte das anhaltend schlechte Wetter. Die neuste Wetterprognose, dass die Schneegrenze unter die Höhe unseres Biwaks sinken würde, liess die Umsetzung unseres Projektes noch unrealistischer erscheinen.

Es brauchte eine Menge Überzeugungsarbeit, bis Jordan einwilligte, doch noch länger oben zu bleiben und mit Sebastian und mir zusammen am nächsten Tag die 53 m Highline aufzubauen. An diesem Tag lief alles wie geplant und wir hatten die Line in Rekordzeit aufgebaut. Am Nachmittag zeigte sich sogar die Sonne und wir konnten bereits einige Versuche auf der Highline machen. Als wir völlig erschöpft und ohne eine erfolgreiche Begehung zurück zum Biwak kamen, erwarteten uns bereits Helmar Fasold, Grischa Rulle und Anatolij Maltsev, die am Tag zuvor von München nach Lauterbrunnen getrampt waren. 

Das Wetter am nächsten Tag war so mies, dass wir einen Ruhetag einlegten. In Gedanken zweifelte ich, ob wir die gespannte Highline noch laufen können. Die Versuche am Tag zuvor hatten gezeigt, dass dies alles andere als einfach würde. Nicht nur die Ausgesetztheit, sondern vor allem die kontrastarme Wand machten eine Begehung ungemein schwierig. Ganz zu schweigen von der 70 m Highline, die noch nicht mal fertig eingebohrt war. Einmal mehr war es ein Wettlauf gegen die Zeit. Sebastian musste bald wieder zurück nach Dresden und er war der einzige im Team, der das nötige Know-How hatte um eine Highline mit Dyneema zu spannen. 

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Früh am nächsten Morgen wurde ich von Schneeflocken geweckt, die es bis in das Biwak wehte. Doch der Wetterbericht versprach baldige Besserung. So machte ich mich zeitig mit Grischa auf den Weg zum Mönchsbüffel, mit der Absicht, auf der Wandseite Bohrhaken für die Highline zu setzen. Allerdings kostete uns der Schnee und eine ungünstig gewählte Kletterroute viel Zeit, so dass es mir nicht mehr reichte zum Abseilen und Bohren. Noch am selben Tag musste ich ins Tal absteigen um ein Auto und neuen Proviant zu organisieren. Unterwegs begegnete ich Faith, Jordan, Janek und Christian aus Berlin, die auf dem Weg zum Biwak waren.
Am Tag darauf erfuhr ich, dass es den anderen nicht mehr gelungen war, vor dem Abstieg von Sebastian die lange Highline noch einzubohren und aufzubauen. Schlussendlich scheiterte es an einem halben Tag. Das war natürlich ärgerlich. 

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Als ich am nächsten Morgen wieder beim Biwak oben ankam, erfuhr ich, dass Mich die 53 m Highline bereits laufen konnte. Dazu erst noch onsight! Zuvor wurde die Line nochmals mit einem anderen Setup neu aufgebaut. Nun wusste ich zumindest, dass es möglich war die Line zu laufen und das gab mir neuen Elan! Schnell packte ich Bohrsachen und das nötigste Material ein, um zusammen mit Mich gleich weiter zum Mönchsbüffel zu gehen. Dort seilte ich mich über brüchige Platten in die überhängende Wand ab. Mit unserer zweiten Bohrmaschine, einer viel zu schweren Hilti, machte ich mich daran, die fehlenden Bohrhaken gegenüber vom Mönchsbüffel anzubringen. Dazwischen hörte ich immer wieder Mich, der sich bei dem schlechten Wetter auf der Highline abmühte und jedes Mal fluchte, wenn er wieder abgeworfen wurde.

Zusammen mit Faith, Jordan und Janek übernachtete ich - wie die Nacht zuvor die anderen aus unserem Team - in der Nähe des Mönchsbüffels, um Zeit sparen zu können. Die Nacht war wenig erholsam, hatte ich doch in der Eile vergessen meinen Schlafsack einzupacken. Dafür war ich am Morgen früh bereits wieder auf dem Mönchsbüffel, fest entschlossen an dem Tag eine Begehung zu schaffen. Es war für den ganzen Tag sonniges Wetter angekündigt. Der Nebel hatte sich verzogen und der Himmel war strahlend blau. Wir hatten bereits den 8. August und es war unsere letzte Chance auf eine erfolgreiche Begehung. Bereits für den nächsten Tag war eine neue Schlechtwetterfront angekündigt.

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Einer nach dem anderen versuchte sein Glück und jeder kämpfte fast bis zur Erschöpfung. Endlich schaffte ich es bis über die Mitte, knapp 5 Meter vor dem etwas höheren Fixpunkt an der Wandseite warf mich die Line aber erneut ab. Ich fluchte laut. Dafür gelang mir darauf auf Anhieb der weniger anspruchsvolle Lauf zurück.

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Die zweite FM-Begehung schaffte Faith. Mit fast schon respektloser Ruhe lief sie zu uns zurück auf die Felsnadel. 

Wieder kam ich an die Reihe. Sturz folgte auf Sturz. Blutflecken von meinem aufgeschürften Knöchel verteilten sich auf dem weissen «White Magic» Band und meine Kniekehlen färbten sich blau. Dann endlich kam ich wieder voran. Schritt um Schritt kämpfte ich mich über das schmale Band. Meine Augen suchten verzweifelt nach Orientierung in der weissen Wand und ich vergass beinahe zu blinzeln. Fast am Ende der Line angelangt, waren meine Augen so trocken, dass mir beim blinzeln eine Linse aus dem Auge fiel und ich drei Meter vor dem Ende erneut stürzte. Ich konnte es kaum fassen, so kurz vor dem Ziel doch noch gescheitert zu sein. Aufgeben würde ich aber nicht, das war klar. Noch einmal versuchte ich es, kam über die Mitte, konnte relativ ruhig und locker laufen. Schliesslich fehlten nur noch 10 Meter und die Anspannung stieg. Dann noch fünf Meter, noch drei Meter.. Nun setzte ich alles auf eine Karte und rannte die letzten Meter um jubelnd die Wand zu berühren. Genau ein Jahr nachdem ich die Line eingebohrt hatte, konnte ich sie endlich bezwingen! Meine Freude war riesig.

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Wenig später holte sich auch Janek und Helmar den Fullman und bis am Abend erkämpften sich auch Grischa und Anatolij ihre FM-Begehung.

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Am nächsten Tag waren wir bereits wieder zurück im «Basislager» bei mir in Bern. Wir feierten die Begehung der bisher längsten Highline der Schweiz gebührend mit riesigen, selbstgemachten Hamburger, Pommes und Bier. Die Freude über das Geleistete und Erlebte liess uns alle Strapazen der letzten Tage um Nu wieder vergessen und der nächste Highline-Trip wurde bereits geplant. 

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Möglicherweise kann ich hier nächstes Jahr bereits von einer erfolgreichen Begehung der 70m langen Highline am Mönchsbüffel berichten. Vielleicht kommt aber auch wieder alles ganz anders. Beim Highlinen weiss man das eben nie so recht im Voraus. Wenn der Ausgang bei einer Highline-Expedition nicht ungewiss wäre, wäre es auch kein Abenteuer mehr und das wäre doch schade. :-)

Vielen Dank an Jordan Tybon für die wunderschönen Fotos.

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